DIE JÄGERIN Teil 5






Der Sinn des Lebens

Die Jägerin war wieder zurück in den Bergen, doch die Spur des Wolfes hatte sie verloren. Es würde die richtige Zeit dafür kommen.

Sie bereitete ihr Nachtlager vor an jener einsamen Stelle, die irgendwem von Bedeutung war denn auf manchen Spitzen der hohen Binsen hingen fahle Stofffetzen. 
Jea freute sich auf die Anzahl der Windböen, die unmittelbar nach dem Sonnenuntergang den Hang herauf tosten. Sie achtete besonders auf die Form der Sichel, die jede Böe zeichnet, wenn sie vom Tal kommend über die Büsche jagt.
Und Jea wusste, sie war im Einklang mit allem, wenn sie ihr Lied gemeinsam mit dem Windstoß sang. Die Form zeigte ihr, welche Melodie der Wind in sich barg.
Es waren bis jetzt nie mehr Windstöße gewesen als sie Finger einer Hand hatte.


 (im Grund torkelt sie voll daneben durch ein fiktives Leben und findet keinen Grund, irgendetwas daran zu ändern. Es gibt einfach keinen Grund zu handeln, keine Handlung.

Das Autorendilemma: Gibt es einen Grund zu Handeln? Mal von den üblichen Gründen abgesehen?  
Wenn alles passt und der titelgebenden Protagonistin geht´s auch gut, gibts wenig Handlungsbedarf. außer, dass sie jemanden killen soll.) ;-)
            
Es war ihr eine Lehre gewesen, als sie aus ihrer Makellosigkeit fiel und voraus dachte. Das Straucheln im Geäst holte sie zurück in das, was sie tat. Es war nicht makellos. Fast wäre sie gestürzt, sie, die sich die Geschmeidigkeit der Katzen angeeignet hatte schon vor langer Zeit.

Der Geist der Schlange hatte sie gefragt, ob sie denn verstehe und sie tat es:
Sie fand zurück und verlor sich selbst in allem, was sie umgab. Sie wurde wieder eins mit ihrer Welt.
            Aus Geduld und Willen hatte sie alles geschaffen, was sie benötigte. Sie strebte nach ihrer persönlichen Makellosigkeit und die Schlange hatte sie gelehrt, dass nur sie selbst ihrem eigenen Leben einen Sinn geben konnte, niemand sonst. Dass der Sinn des Lebens darin bestehe, ihm einen Sinn zu geben.      
   

Jea fühlte sich großartig.

Sie war frei, ihrem Leben nur jeden erdenklichen Sinn zu verleihen. Diese Freiheit ließe sie sich niemals mehr nehmen, konnte von niemandem mehr genommen werden, von keinem Menschen, keinem Geist, keinem Gott und keiner Göttin.

Nachdem Jea ihr einziges Lied, das sie kannte, mitgesungen hatte entdeckte sie dort, wo die beflaggten Binsen am dichtesten waren, Dutzende hölzerne Phalli. Einige waren nur eine Armeslänge hoch, kaum sichtbar im hohen Gras. Andere wiederum waren Übermanns hoch. Von einigen Bäumen ringsum hingen komplizierte, sechseckige Gebilde aus Bambus. 
Von den Bergen übertönten die Rufe der Affen das Schrillen der Zikaden. Die Nacht senkte sich rasch herab, doch das Licht des fast vollen Mondes reichte aus, um immer wieder vage Bewegungen in den Büschen und im dichten Laubwerk des Waldes auszumachen.  Um Jea herum pulsierte das Leben. Nachtvögel und Waldfledermäuse flitzten lautlos an ihr vorbei. Nachtfalter, groß wie Handteller schwebten von einem leisen Lufthauch getragen. Gräser zitterten und verschiedene Gerüche trug der Wind ihr zu, allen voran den süß-rauchigen Duft eines Mondstrauchs, dessen Blätter zu leuchten schienen. 
Nur die Phalli, die ein Symbol von Virilität und Lebenskraft sein sollten, wirkten starr und leblos, waren totes, vertrocknetes Holz.
Das unbestimmte Gefühl aber, hier nicht allein zu sein, verließ sie die ganze Nacht hindurch nicht. Sie fühlte sich beobachtet. 
Vereinzelt klangen helle Vogelrufe aus dem Wald und kündig­ten den neuen Tag an. Die Sonne war noch hinter dem Horizont, die Zikaden auf den Bäumen schwiegen, es war windstill. Dünne Nebelschleier vor dem Wald  Alles war in das weiche Licht der aufgehenden Sonne getaucht. 
Noch vor der ersten Morgenstunde stand der Alte da, so reglos wie die Totems um ihn herum. Er trug einen Sack über seiner Schulter und ein Le­derband um seinen Hals hielt ein bleiches Schneckenhaus, das dem Horn eines Widderhorn glich.
Als Jea auf ihn zuging, drehte der sich unvermittelt um und flog als Krähengeist davon...

ENDE